Wahrhaftigkeit leben

von | 09.03.23 | Wertewandel

Sie steht dafür, im Einklang mit den eigenen Werten zu handeln: Wahrhaftigkeit. Konflikte bleiben in einem wahrhaftigen Leben allerdings nicht aus – sowohl innere als auch äußere. Deine persönlichen Werte helfen dir dabei, dich selbst nicht aus den Augen zu verlieren und für dich die besten Entscheidungen zu treffen.

Kennst du Personen, die groß in Worten sind, ihre eigenen Tugenden gerne hervorheben und die dann, wenn es ernst wird, ihr Fähnchen doch nur nach dem Wind richten? Vielleicht warst du aber auch selbst schon in einer Situation, in der du gewaltig unter Druck standest, weil die Chefetage von dir etwas verlangte, das nicht mit deinen Überzeugungen vereinbar war? Oder wo du in einer privaten Beziehung eine Entscheidung treffen musstest, in der widerstreitende Gefühle miteinander kämpften, sodass du nicht wusstest, was richtig ist?

Wann immer es zu Werte- und Loyalitätskonflikten kommt, gehen die einen den vermeintlich einfachen Weg, während andere sich gerade nicht verbiegen lassen – allen Widerständen zum Trotz. Wer uns ehrlich begegnet, sich integer sowie verlässlich verhält und zu dem steht, was er oder sie sagt, kann als wahrhaftiger Mensch bezeichnet werden. Was aber verbirgt sich hinter diesem Begriff und warum sollte Wahrhaftigkeit für dich von Bedeutung sein?

Wahrhaftig ist nicht gleich authentisch

Oft werden Wahrhaftigkeit und Authentizität gleichgesetzt. Authentisch kann mit „echt“ übersetzt werden. So gilt ein Dokument als authentisch, sobald dessen Echtheit von offizieller Seite bestätigt wurde. Der Duden beschreibt den Begriff darüber hinaus als „den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig“. Dem Substantiv Authentizität stellt das Lexikon die Begriffe Glaubwürdigkeit, Sicherheit und Verlässlichkeit zur Seite. Authentisch ist demnach, wer sich nicht verstellt.

Häufig werden Authentizität und Wahrhaftigkeit synonym verwendet. Für mich sind die beiden Begriffe nicht scharf zu trennen. Gleichwohl geht das wahrhaftige Leben über ein bloß authentisches noch hinaus. Authentisch ist schließlich auch eine Person, die andere gerne übervorteilt – und eben genau das bei jeder sich bietenden Gelegenheit dann auch tut. Denselben Menschen als wahrhaftig zu bezeichnen, fiele mir nicht ein.

Es müssen demnach andere Merkmale her, die meine Sicht verdeutlichen. Wieder hilft ein Blick in den Duden. Hier tauchen nun weitere verwandte Wörter auf: Wahrhaftigkeit wird unter anderem umschrieben mit Loyalität, Rechtschaffenheit und Wahrheitsliebe. Rechtschaffen ist die Person aus dem Beispiel in keiner Weise. Mit der Wahrheit hält sie es vielleicht ebenfalls nicht so genau – auch wenn sie authentisch handelt. Loyalität würde ich ihr gar ganz absprechen wollen. Sinngleich sind Wahrhaftigkeit und Authentizität demnach nicht.

Wahrhaftigkeit auf der Bühne

Zu meiner Zeit am Theater in den 2000er-Jahren lernte ich ein weiteres Bedeutungsfeld von Wahrhaftigkeit kennen. Von „wahrhaftigem Spiel“ ist dort die Rede, wenn ein Darsteller oder eine Darstellerin vollkommen in einer Rolle aufgeht, jede künstliche Attitüde fehlt und zwischen der Person auf der Bühne mit ihrem Publikum ein intensiver emotionaler Dialog entsteht.

Das Gegenteil von echter, wahrhaftiger Schauspielkunst ist das bloße „Herstellen“ von Gefühlen. „Geh nochmal in die Szene, ich glaube dir noch nicht“ – ein häufig verwendeter Satz seitens der Regie. Wie oben beschrieben, hat es auch in diesem Zusammenhang viel mit Glaubwürdigkeit zu tun, ob jemand wahrhaftig wirkt oder nicht.

Nun verkörpern Darsteller*innen Rollen, die so ganz anders sind als die jeweilige Privatperson. Es ist also möglich, wahrhaftig zu sein, obwohl man gleichzeitig nicht authentisch ist. Für mich liegt der Schlüssel dafür in der unausgesprochenen Verabredung zwischen Bühne und Publikum: Alle wissen, dass es ein Spiel ist. Dieses Wissen vorausgesetzt, kann die Darstellung wahrhaftig sein. Im Sinne der Erzählung eben – und der jeweiligen Rolle.

Wahrhaftigkeit im Buddhismus

Auch andere Quellen helfen mir dabei, mich meinem Wahrhaftigkeitsbegriff zu nähern. Im Buddhismus beispielsweise steht Wahrhaftigkeit für die Saat, die in der Wahrheit verwurzelt ist und zu höherer Wahrheit führt. Sie wird eng mit dem Mitgefühl verbunden und ist ein Ideal, nach dem mensch zwar streben kann, das im irdischen Leben vermutlich aber nur schwer erreichbar ist.

Zum Glück bin ich keine geistige Führerin, sondern Business Coach. Und du liest auch kein heiliges Buch, sondern mein Blog. Als Coach bin ich davon überzeugt, dass alles, was du für die Erreichung deiner (realistischen) Ziele brauchst, bereits in dir liegt. Und ich halte es wie die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann (1926-1973). Sie sagte: „Utopie ist Bewegung.“ Das bedeutet, dass die Vorstellung eines Ideals Ansporn sein kann und sollte, sich in die richtige Richtung zu entwickeln. Der Wert liegt bereits auf dem Weg dorthin.

Es geht mir bei Wahrhaftigkeit also nicht darum, dass alle die bestmögliche Leistung abliefern müssen, was der Begriff Utopie zunächst nahelegt. Das würde bedeuten, sich permanent zu vergleichen und im Grunde nie zufrieden zu leben. Es geht vielmehr darum, die am heutigen Tag bestmögliche Version deiner selbst zu sein – wahrhaftig, mit allen Ecken und Kanten, Unsicherheiten und Defiziten. (In diesem Zusammenhang finde ich Mitgefühl tatsächlich sehr wichtig, nämlich dein Mitgefühl mit dir selbst.)

Wahrhaftigkeit bedeutet harmonisch zu leben

Um es auf den Punkt zu bringen: Wahrhaftig bist du in meinen Augen dann, wenn dein Denken, Fühlen, Handeln und Sprechen in Harmonie sind. Und weil du ein Mensch bist, kannst du durchaus widersprüchliche Impulse in dir tragen. Es ist nicht notwendig, jedem und jeder auf die Nase zu binden, was du an ihr oder ihm nicht schätzt, um wahrhaftig zu sein. Es gibt sogar Situationen – zum Beispiel im Berufsleben – in denen die Wahrheit dir massiv schaden würde.

In so einem Kontext gilt es abzuwägen. Ehrlichkeit ist ein hohes Gut. Respekt und Fürsorge aber ebenfalls. Es kommt nicht nur darauf an zu wissen, von was du überzeugt bist und was die Leitplanken deines Handelns sind, sondern auch wie du das zum Ausdruck bringst. Um wahrhaftig mit dir im Einklang zu sein, musst du den jeweiligen Bezugsrahmen berücksichtigen. Ach, wenn das doch immer so einfach wäre!

In einem philosophischen Sinne heißt wahrhaftig zu leben, das auszudrücken, was du als wahr erkannt hast. Diese Sichtweise setzt zunächst die Erkenntnis dessen voraus. Was im Coaching als Wert oder Handlungsmotiv bezeichnet wird, ist keineswegs immer bewusst und präsent. Oft handelst du nach Werten, ohne genau zu wissen, welche Regeln du in dir trägst – und woher sie stammen.

Deine Werte als Schlüssel zur Wahrhaftigkeit

Ich verstehe unter Werten tiefe Überzeugungen, die in dir fest verankert sind und in gewisser Weise dein gesamtes Wesen durchdringen. Sie geben deinem Wirken Sinn und Bedeutung. Man könnte auch sagen, sie bilden dein Betriebssystem, das allem anderen zugrunde liegt. Nach deinen Werten beurteilst du, was du als gut empfindest und für erstrebenswert hältst.

Daneben wirken in dir individuelle Handlungsmotive, die gewissermaßen der Treibstoff für dein Wirken sind. Handelst du im Einklang mit ihnen, wirst du ihre Energie sehr wahrscheinlich sofort spüren. Verhältst du dich im Widerspruch dazu, fühlst du dich ausgebremst, als hätte jemand die Treibstoffleitung abgedrückt oder sogar ganz gekappt.

Obwohl Werte und Motive grundlegend für dich sind, kommt es jedoch vor, dass andere Programme sie überschrieben haben. Dies können Glaubenssätze sein, die über Jahre in dir gewachsen sind – durch Erziehung, Erfahrungen oder gesellschaftliche Einflüsse. Es können aber auch Erwartungen sein, die von außen an dich herangetragen werden. Ängste, falsche Vorstellungen, Blockaden aller Art, die dich glauben lassen, dich anders verhalten zu müssen, als es deinem wahrhaftigen Wesen entspricht.

Stehen diese Betriebsprogramme im Widerspruch zu deinen Werten und Motiven, kann das starke innere Konflikte zur Folge haben. Sich widerstreitende Gefühle führen zu kognitiver Dissonanz. Damit ist ein sehr unangenehmer Gefühlszustand gemeint, bei dem mehrere, zunächst unvereinbare Gefühle gleichzeitig in dir existieren. Das Wissen über deine inneren Strukturen kann dir helfen, die inneren Blockaden zu erkennen und schließlich aufzulösen.

Wahrhaftig leben heißt eigenverantwortlich leben

Entscheidend ist zu verstehen, dass du die Gefühle, mit denen du auf eine Situation reagierst, selbst erzeugst. Es mag äußere Anlässe und Einflüsse gegeben haben, die dich zu dem machten, was du bist. Heute aber gibt es nur eine Person, die bestimmt, wie du dein Leben gestalten willst: Dich! Ohne Eigenverantwortung geht es nicht. Eigenverantwortung und Wahrhaftigkeit sind untrennbar miteinander verbunden.

Um wahrhaftig nach außen zu leben, gilt es daher, zunächst dir selbst gegenüber wahrhaftig zu sein, dich gründlich zu erforschen und deinen widerstreitenden inneren Stimmen zuzuhören. Es ist notwendig, sie zu überprüfen und deine wesentlichen Werte herauszuarbeiten. Wesentlich insofern, als dass sie deinen Wesenskern bilden und künftig dein Handeln bestimmen.

Was für ein Mensch möchtest du sein? Was du für ein wahrhaftiges Leben brauchst, steckt längst in dir, davon bin ich überzeugt. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, es jetzt auch selbstbewusst im Außen zu zeigen – im Einklang mit deinen Werten und Überzeugungen. Herausforderungen wirst du auch künftig erleben. Allerdings weißt du nun, wie du ihnen mit Klarheit und innerer Stärke begegnen kannst.

Gerne begleite ich dich dabei, deine persönliche Vision für eine erfüllte Zukunft zu kreieren – damit du das reichhaltige Leben führen kannst, das du dir wünschst.