Vielbegabung und Resilienz

von | 09.03.23 | Vielbegabung

Du bist vielbegabt und steckst in einer handfesten Krise? Herzlichen Glückwunsch – das Handwerkszeug, um selbst größte Herausforderungen gut zu überstehen, trägst du vermutlich längst in dir. Vielseitigkeit, Lernbereitschaft und Flexibilität zeichnen viele Multitalente aus. Genau solche Eigenschaften braucht es, um sich schnell neu orientieren zu können. Ich zeige dir, wie du sie nutzen kannst, um Resilienz zu entwickeln.

Wie gehst du mit Herausforderungen um? Was tust du, wenn du unter Druck gerätst? Die Erfahrung zeigt, dass wir unterschiedliche Persönlichkeitsmuster in uns tragen. Die sogenannte Stress-Persönlichkeit ist eine davon. Mit diesem Begriff sind die handlungsbestimmenden Eigenschaften gemeint, die unter Druck zum Vorschein treten. Manche Menschen erstarren dann, andere reagieren aufgewühlt, werden emotional oder sogar ungerecht. Wieder andere nehmen die Fäden in die Hand und übernehmen die Führung.

Die inneren Antreiber

Je nachdem, wie wir geprägt sind, werden wir in stressigen Situationen von unseren inneren Antreibern beeinflusst. Das Konzept geht auf eine Theorie des US-amerikanischen Psychologen Taibi Kahler zurück. Er erkannte fünf verschiedene Antreiber, die unterbewusst in Menschen wirken:

  • Sei perfekt!
  • Sei stark!
  • Streng dich an!
  • Mach es anderen recht!
  • Beeile dich!

Der Theorie entsprechend trägt jeder und jede von uns alle fünf Antreiber in sich, aber in unterschiedlichen Anteilen. In der Regel dominiert einer von ihnen das Geschehen. Bist du beispielsweise in einem Umfeld aufgewachsen, in dem es – ausgesprochen oder unausgesprochen – deine Aufgabe gewesen ist, die Erwartungen anderer zu erfüllen, könnte das Prinzip „Mach es allen recht!“ noch heute stark in dir wirksam sein. Und zwar unabhängig davon, ob diese Erwartung tatsächlich realistisch ist und dir selbst gut tut – oder eben nicht.

Wie uns Glaubenssätze steuern

Nun ist es so, dass uns unsere Glaubenssätze – die inneren Antreiber sind im Grunde nichts anderes – zwar nur Sätze sind, die wir irgendwann als Regeln verinnerlicht haben, sie erscheinen uns aber als Gewissheit, so wie es einem festen Glauben eigen ist. Sich davon zu lösen, bedeutet im ersten Schritt, sich der unterbewussten Denkmuster bewusst zu werden. In einem zweiten geht es darum, die Glaubenssätze durch gesunde Denkmuster zu ersetzen. Dafür ist es notwendig, die alten zu überschreiben.

Dass es möglich ist, sich bis ins hohe Alter weiterzuentwickeln und Neues zu lernen, ist eine Erkenntnis der modernen Neurowissenschaft. Neuroplastizität lautet das Zauberwort. Darunter versteht man „die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern“, erklärt uns Wikipedia.

Im Grunde bedeutet das nichts anderes, als dass das Gehirn genau die Nervenbahnen ausbaut und bevorzugt auswählt, die am stärksten genutzt werden. So spart es Energie und arbeitet effizient. Bis ins hohe Alter können wir also noch Neues lernen und alte Muster verändern.

Bist du es gewohnt, auf die immer gleiche Weise auf Stress-Situationen zu reagieren, ist es nur logisch, dass du in deine gewohnten Muster fällst. Indem du dir diese Muster bewusst machst und durch neue ersetzt, lernt auch dein Gehirn nach einer gewissen Zeit, die neuen Pfade zu nutzen. Voraussetzung ist, dass du ihnen dann auch konsequent folgst – wie einem Trampelpfad, der mit jedem Gang bequemer wird. Nach einiger Zeit sind die neuen zu gut ausgebauten Wegen geworden. Du hast eine frische Gewohnheit geschaffen und die alte abgelegt.

So schön, so gut. Doch was genau hat das jetzt mit deiner Vielbegabung zu tun? Und was kannst du zum Thema Resilienz daraus lernen? Um das zu erläutern, möchte ich etwas ausholen und zunächst klären, was ich unter Resilienz verstehe.

Was Resilienz bedeutet

In der Physik spricht man von elastischen Werkstoffen als resilient, die nach Benutzung und Verformung ihre ursprüngliche Erscheinungsform wieder einnehmen. Übertragen auf Menschen würde das bedeuten, dass sie zum Beispiel nach einer traumatischen Erfahrung wieder zu ihrer Ursprungsverfassung zurückkehren. So oder so ähnlich wurde Resilienz auch lange Zeit definiert. Für mich geht der Begriff allerdings weiter.

Als resilient bezeichne ich Personen, die gestärkt aus einer Krise hervorgehen. Um ehrlich zu sein, kenne ich niemanden, den eine wirklich tief gehende Erfahrung nicht verändert hätte. Sie kann Spuren in Form tiefer Verunsicherung und Ängsten hinterlassen. Gleichwohl kann sie aber auch bislang verborgene Kompetenzen und Fähigkeiten sichtbar machen.

Das Prinzip der Salutogenese

Der amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky beschäftigte sich zeitlebens intensiv mit dem Prinzip der Salutogenese, also der Frage, was uns Menschen gesund macht und unsere Gesundheit erhält. Gewissermaßen entwickelte er mit seiner Forschung eines der ersten Resilienz-Modelle. Unter anderem fragte er sich, warum einige Holocaust-Überlebende, die Traumatisches erlebt hatten, dennoch eine gute psychische Gesundheit aufwiesen.

Antonovsky arbeitete drei Elemente heraus, die die psychische Widerstandskraft von Menschen fördern:

  1. Du bist in der Lage einzuordnen, was mit dir geschieht.
  2. Du verfügst über ausreichend Ressourcen, um mit negativen Erlebnissen umzugehen. 
  3. Es gelingt dir, dem Erlebten einen höheren Sinn zuzuschreiben.

Außerdem als hilfreich benennt der Soziologe die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu beherrschen, sowie die Bereitschaft, in Veränderungen Herausforderungen zu erkennen.

Im ersten Schritt geht es also auch hier darum, in die beobachtende Rolle zu schlüpfen und Zusammenhänge zu reflektieren. Der zweite Faktor geht von der Überzeugung aus, dass du dir deiner heilsamen und wirkungsvollen Fähigkeiten bewusst wirst, um sie nach Möglichkeit einzusetzen. Du nimmst eine lösungsorientierte Perspektive ein, um dir selbst zu helfen.

In einem dritten Schritt erfüllst du das Erlebte mit Sinn, zum Beispiel indem du anderen hilfst, die Ähnliches durchlitten haben. Zahlreiche Holocaust-Überlebende haben ihrem Leben beispielsweise dadurch Sinn verliehen, dass sie nachfolgenden Generationen von den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg als Augenzeug:innen berichtet haben.

Bemerkenswert finde ich bei dem salutogenetischen Ansatz, dass er einen Perspektivwechsel vornimmt. Statt sich auf das zu fokussieren, was nicht mehr funktioniert, also krank macht, steht hier der gesunde Anteil im Mittelpunkt. Und somit die Fragen: Was funktioniert noch immer? Was erhält mich am Leben? Was tut mir gut? Was sollte ich verstärken? Konkret: Welche Möglichkeiten bieten sich mir jetzt?

Unklar ist bis heute, welchen Anteil beim Thema Resilienz vererbbare Persönlichkeitsmuster haben und welchen die erlernten. Fest steht allerdings, dass jeder und jede von uns seine Fähigkeiten mindestens zu einem Teil durch Lernen weiterentwickeln kann. Resilienz wird durch Dynamik, Veränderbar- und Trainierbarkeit charakterisiert. Je mehr du dich selbst in schwierigen Situationen als resilient erlebst, desto stärker wird dein Gefühl von Selbstwirksamkeit sein.

Die Säulen der Resilienz

Es gibt verschiedene Resilienz-Modelle, die sich im Kern ähneln und Säulen der Resilienz benennen. Verschiedene Grundhaltungen und Fähigkeiten zeichnen demnach resiliente Menschen aus, darunter

  • Optimismus
  • Achtsamkeit,
  • Selbstwirksamkeit,
  • Lösungsorientierung,
  • die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen
  • Akzeptanz
  • Netzwerkorientierung,
  • Zukunftsplanung und der Wunsch, der Opferrolle zu entkommen.

Mit Optimismus ist kein blindes Gottvertrauen gemeint, sondern ein realistischer Optimismus. Das bedeutet, in einer schwierigen Situation die Möglichkeit zu sehen, dass sie gut enden kann. Gleichwohl sollte sich jede und jeder in einer solchen Lage auch der Risiken bewusst sein. Entscheidend ist, worauf du deinen Fokus legst.

Achtsamkeit beschreibt die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment bewusst, vor allem aber bewertungsfrei zu betrachten. Vorschnelle Bewertungen vernageln den Blick für Möglichkeiten. Sie können einer Lösung daher im Wege stehen. Gleichzeitig schließt Achtsamkeit die Kompetenz mit ein, die eigenen sowie die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen.

Unter Selbstwirksamkeit ist nichts anderes als der Glaube an die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen zu verstehen. Wer sich als selbstwirksam wahrnimmt, verfügt wahrscheinlich über den Skill, die eigenen mentalen, sozialen sowie fachlichen Befähigungen gut einschätzen zu können. Gepaart mit realistischem Optimismus und einer guten Prise Lösungsorientierung werden solche Menschen Wege finden, sich mit kritischen Situationen gut zu arrangieren und möglichst schadlos daraus hervorzugehen. 

Mit der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ist in erster Linie Eigenverantwortung gemeint. Wer sich von anderen Menschen oder den Umständen abhängig fühlt, fällt schnell in einen Zustand erlernter Hilflosigkeit. Dann gaukelt dir dein Denken vor, dass du selbst nichts tun kannst, um dich aus deiner misslichen Lage zu befreien. Dabei wird es immer einen gewissen Handlungsspielraum geben, in dem du dich bewegen kannst – ganz gleich, wie verfahren eine Situation zu sein scheint. Menschen mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein wissen das.

Akzeptanz geht mit Selbstverantwortung Hand in Hand. Um handlungsfähig zu werden, solltest du dich weder mit Selbstvorwürfen, noch mit Grübeln oder übergroßen Ängsten aufhalten, sondern zunächst die Situation annehmen, wie sie ist. Wer furchtsam in die Zukunft schaut, erstarrt. Wer hingegen handlungsfähig bleiben möchte, sollte schnellstmöglich die Opferrolle verlassen und ins Gestalten kommen. Hiermit ist kein planloser Aktionismus gemeint, sondern achtsames und durchdachtes Handeln, das einer bewussten Zukunftsorientierung Raum gibt.

Bleibt noch die Netzwerkorientierung. In Studien wurde immer wieder die Rolle des persönlichen Umfeldes untersucht. Das schließt engste persönliche Kontakte mit ein, aber auch das erweiterte Netzwerk, zum Beispiel im Beruf, in Vereinen oder anderen Gemeinschaften. Gute Netzwerke helfen dabei, Herausforderungen zu meistern.

Sie ergänzen deine eigenen Fähigkeiten, bieten dir weitere Lösungen an, geben dir wertvolle Impulse und neue Perspektiven. Und, ganz wichtig, sie schätzen dich als Person und geben dir Halt, wenn es in deinem Leben mal hakt. Je diverser dein Netzwerk ist, desto reichhaltiger kann es wirken – vorausgesetzt, du hältst dich von toxischen und destruktiven Menschen fern.

Wie deine Vielbegabung hilft

Was in dieser Beschreibung implizit bereits mit drin steckt, sind drei Fähigkeiten, die ich bei Vielbegabten schon oft beobachtet habe: Vielseitigkeit, Lernbereitschaft und Flexibilität. Generalist:innen bringen häufig schon von Haus aus den Wunsch mit, zu lernen und sich mit neuen Wissensgebieten zu beschäftigen. Sie sind oft in hohem Maße flexibel, zum Beispiel wenn es darum geht, von einem Thema zum anderen zu wechseln. Und wie es der Begriff Vielbegabung ja bereits in sich trägt, haben sie vielfältige Interessen.

All das hilft, um in verschiedenen Bereichen Kontakte aufzubauen, auf ungewöhnliche Lösungen zu kommen, sich schnell neues sowie dafür notwendiges Wissen anzueignen und aus der Opferrolle auszusteigen, indem die Schwierigkeit als Herausforderung verstanden wird.

Gleichzeitig höre ich in Gesprächen aber auch immer wieder heraus, wie wenig Vielbegabte selbst von dem Schatz überzeugt sind, den sie in sich tragen. Sie erleben sich als sprunghaft, unentschlossen, unsicher oder zu wenig spezialisiert für bestimmte Aufgaben. Wenn es dir genauso geht, dann frage dich, welche inneren Antreiber dich möglicherweise hemmen könnten. Überlege, welche unterbewussten Glaubenssätze du von deinen Eltern oder anderen Erziehungspersonen übernommen hast.

Indem du deine individuellen Fähigkeiten nicht länger als Hemmnis begreifst, sondern als Schatzkiste, aus der du jederzeit schöpfen kannst, kommst du in eine positive Energie und erlangst zunehmend ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Das wird zwar nicht von heute auf morgen klappen. Aber du weißt ja bereits, dass dein Gehirn dazu in der Lage ist, unentwegt weiterzulernen.

Dem salutogenetischen Ansatz folgend kannst du dich außerdem jederzeit fragen: Was sollte ich verstärken? Welche Möglichkeiten bieten sich mir jetzt? Allein dieser Perspektivwechsel hilft, schnell wieder in eine lösungsorientierte Haltung zu kommen.

Resilienz in Unternehmen

Übrigens wird dein wachsendes Selbstbewusstsein dir auch beruflich neue Türen öffnen, da bin ich sicher. Was dich privat weiterbringt, kann dir schließlich auch in deinem Berufsleben weiterhelfen. Gerade kreative und flexible Menschen sind in der Lage, über den Tellerrand zu gucken, das bestehende Geschäft aus einer neuen Perspektive zu betrachten oder ihm durch ungewöhnliche Zutaten ein Facelift zu verleihen.

Während andere noch damit beschäftigt sind, auf gewohntem Wege Lösungen zu suchen, begreifen Vielbegabte jeden Wandel als neues Projekt, aus dem sich lernen lässt. Pläne sind dafür da, sie im richtigen Moment über Bord zu werfen. Das lehrt uns das Leben – im Privaten und in der Wirtschaft. Nicht alles ist planbar, beständig ist der Wandel. Vielbegabte Menschen auf den richtigen Positionen erhöhen die Flexibilität und Resilienz von Unternehmen enorm. Eine wertvolle Ressource, die noch zu selten genutzt wird. 

Werde sichtbar in dem, was du kannst, und wähle bewusst die Wirkungsstätte aus, die zu dir passt. Ich helfe dir gerne dabei, deine individuellen Ressourcen zu erkennen und bestmöglich für dich zu nutzen.

Gerne begleite ich dich dabei, deine persönliche Vision für eine erfüllte Zukunft zu kreieren – damit du das reichhaltige Leben führen kannst, das du dir wünschst.